Noch in Virginia treffen wir an einer Kreuzung in der kleinen Gemeinde Coleen auf den 56jährigen Glenn. Ich will gerade Fotos von einem verfallenen Haus schießen, das mit einem Regenbogen verziert ist, da gibt einer auf der gegenüberliegenden Straßenseite voller Inbrunst Zitate von
Patrick Henry und
Thomas Jefferson zum Besten. Er stellt sich mir als Glenn vor und ist überzeugt, dass sowohl Jefferson als auch Henry im späten 18. Jahrhundert regelmäßig ihren Kaffee auf der Veranda des kleinen Ladens tranken, den Glenn gerade renoviert. Möbel will er hier verkaufen. Selbstgemachte. Glenn hat viele Berufe. Möbelschreiner ist nur einer davon. Fotograph ein anderer. Für ein paar Monate im Jahr arbeitet er noch auf dem Bau. Aber seine große Leidenschaft gilt der Tierwelt. Fast 60 Tiere beherbergt er in seiner
Animal Clinic, die etwas abgeschieden einige Meilen im Hinterland liegt. In unserem Gespräch wird sehr schnell klar, woher diese Tierverbundenheit rührt: Glenn hat nicht viel übrig für die Menschheit, die ihn mit ihrer Gewaltbereitschaft, ihrer Habgier und ihrem Egoismus allzu oft enttäuscht hat. Es wundert mich wenig, dass er eine Warnung für das Jahr 2012 ausspricht, wenn uns allen mit dem Ende des Maya-Kalenders der Weltuntergang bevorsteht. Wobei Glenn nicht als Spinner abgestempelt werden möchte. Vorsichtshalber relativiert er seine Worte: Der Maya-Kalender sei doch nicht ganz so streng zu sehen, sondern stünde nur für das Ende eines Zyklus’, nicht gleich das Ende der Welt. Nur um nach einer kurzen Gedankenpause dann doch noch nachzuschieben: “Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn alle Konzerne, Banken und globale Großunternehmen im Feuer untergehen würden.

Das klingt schon eher nach dem, was ich nach unserem Gespräch erwartet hatte. Glenn hält also nicht viel von Globalisierung. Die Vereinigten Staaten sollten sich besser aus dem Weltgeschehen raushalten – sowohl in militärischer, vor allem aber auch in marktwirtschaftlicher Hinsicht. Zurück zum Isolationismus also? Ein friedliches Nebeneinander der Kulturen, kein Miteinander. Für Glenn der Weg zum Glück der Menschheit.
Mit diesen Worten im Ohr führt uns unsere Reise durch Schuyler, VA. Der winzige Ort in den Vorläufern der
Blue Ridge Mountains gelegen, steht für die Besinnung auf die einfachen Werte, für Familie und Zusammenhalt – vielleicht ist es ja genau das, wonach sich Glenn eigentlich sehnt. Denn Glenn hat drei Töchter. Und wenn er etwas bedauert, dann ist es, dass er zu wenig Zeit mit Ihnen verbracht hat, während sie aufgewachsen sind. Schuyler ist die Geburtsstätte des Schriftstellers Earl Hamner Jr. und Inspirationsquelle für sein Buch
“Sommer der Erwartung” und die daraus entstandene TV-Serie
“Die Waltons”. Hier sagen sich Fuchs und Hase mehr als nur Gute Nacht.

Zwischen den wenigen Wohnhäusern, zwei Kirchen, dem Waltons Mountain Museum und einem Souvenirladen herrscht Grabes- und Windstille. Die Sonne brennt an diesem frühen Herbsttag. Keine Menschenseele weit und breit. Die Wohnhäuser wirken verschlossen, teils verlassen, teils sind sie auch schon ganz schön heruntergekommen. Ob hier hinter den Fassaden tatsächlich die perfekte Familie gelebt wird, wie sie im Fernsehen vorgemacht wurde, kann man nur erahnen. Schuyler jedenfalls scheint längst in der Wirklichkeit angekommen zu sein. Auch hier sind die Folgen der Globalisierung zu sehen: Der örtliche
Grocery Store hat längst dicht gemacht. Dass es hier mal eine Tankstelle gab, davon zeugt nur noch ein großes Schild, das sicher schon lange keine Benzinpreise mehr aufführt.
Ein Anblick, der uns noch in vielen anderen
Small Towns begegnen wird, durch die wir kommen. In dieser Nacht steht uns eine lange Fahrt bevor: Bis nach Louisville in Kentucky wollen wir es bis zum Morgen schaffen.
Weitere Eindrücke aus Virginia und richtig große Bilder gibt es
im Flickr-Album…
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