Liebe Mia,
ich heisse Sandra und bin die Tochter von anjaxxo.
Wir sind vor ein paar Monaten ebenfalls in die USA gezogen und ich bin auch 16 Jahre alt. Vielleicht kann ich nicht ganz so gut helfen, weil die Menschen hier in jedem Falle "liberaler" sind, als in der Schule deiner Tochter.
Man kann Jeans tragen, ohne sich komisch vorzukommen und nach Herzenslust Instrumente und Fussball spielen.
Allerdings bin ich hier auch auf viele Umstaende gestossen, die mich sehr stoeren.
Da ist zum Beispiel der Fahneneid, der jeden Tag in der Schule gesprochen wird, die oftmals prueden Ansichten und die starke Abneigung gegen Atheismus und Kommunismus. Beispielsweise erzaehlte unser US History Lehrer von irgendeinem amerikanischen Politiker in der Zeit vor dem Buergerkrieg (ich hab leider schon wieder vergessen, wer es war) erzaehlt, der sehr diktatorisch regiert hat. Ein Schueler sagte dann, er wirke auf ihn wie ein Kommunist, was der Lehrer dann mit den Worten "Ja stimmt, da hast du Recht, er war ein Diktator" bestaetigte, woraufhin ich mich dann fragen musste, ob sie ueberhaupt wussten, wovon sie sprachen..
Dieses und unzaehlige weitere Beispiele geben mir das Gefuehl, dass viele Menschen hier sehr engstirnig sind und ein nach meinen Ansichten verzerrtes Weltbild zu haben scheinen.
Das Problem mit den Plastiktueten habe ich auch. Ich habe es wirklich noch nie erlebt, dass jemand eine einzige Flasche Orangensaft in eine Plastiktuete steckt und die meisten Leute mit mindestens 20 von diesen Tueten aus dem Laden gehen und dafuer nicht einmal zahlen muessen. Ich interessiere mich ebenfalls sehr fuer den Umweltschutz und habe das Gefuehl, dass die Kassierer von meinen Jutebeuteln sehr genervt sind. Da pfeif ich aber drauf

Die Leute sind oft auch sehr verwundert und verwirrt, wenn sie erfahren, dass ich Vegetarier bin. Ich dachte eigentlich immer, dass die Zahl von Vegetariern in den letzten Jahren sehr gestiegen ist, hier scheint das aber nicht der Fall zu sein.
In der Schule habe ich eigentlich keine Probleme mit den Mitschuelern, ich werde gut akzeptiert, habe aber dennoch noch keine Freunde gefunden, obwohl wir schon seit August hier sind. Jeder ist nett, das aber nur oberflaechlich und nicht um mehr bemueht. Ich habe nicht unbedingt das Gefuehl, dass sich das in den naechsten Monaten noch aendern wird, das Schulsystem mit den 4 Minuten Pausen, in denen man buchstaeblich zum naechsten Klassenraum rennen muss, laesst eine Entwicklung von Freundschaften auch gar nicht richtig zu.
Auch die Art, wie hier der Unterrichtsstoff vermittelt wird, missfaellt mir sehr und ich habe nach langen Ueberlegungen mit meiner Mutter beschlossen, nach diesem Schuljahr wieder nach Deutschland zurueckzukehren, da ich mich zudem auch sehr nach meinem Zuhause sehne.
Was vielleicht eine Moeglichkeit waere, sich zu integrieren waere eine der unzaehligen AGs die an amerikanischen Schulen angeboten werden. Vielleicht kann deine Tochter sich ja mal mit ihrem Councellor in Verbindung setzen und ueberlegen, ob sie nicht bei einer davon mitmachen moechte, bestmoeglichst eine, bei der Mann auch mit den anderen Schuelern in Gespraeche kommen kann, wie zum Beispiel eine Theater AG oder so. Mein Councellor schlug mir zum Beispiel vor, bei dem alljaehrigen Theaterstueck der Schule mitzumachen, weil die Leute dort sehr offen und herzlich sind, was sich auch bewahrheitet hat.
Vielleicht gibt es bei euch ja auch eine Ag, in der nette bzw. "normale" Menschen sind.
Aber wenn es so schlimm steht, wie du geschildert hast, und deine Tochter gehaenselt wird, sehe ich es als das einzig richtige, sie wieder heimkehren zu lassen, auch wenn ich natuerlich verstehe, dass du dich nicht so frueh von ihr trennen willst. (Meiner Mutter geht es da nicht anders) Aber wenn ihr sowieso nur zwei Jahre da seid, koenntet ihr euch in den Ferien ja immer sehen und die Zeit geht bestimmt auch schneller um, als ihr denkt..
Aber wenn man ungluecklich ist, dann ist man ungluecklich und dann muss man das aendern. Wenn sie so gern wieder zurueck nach Deutschland moechte, wuerde ich sie gehen lassen, die Situatioon klingt ja wirklich nicht nach Honigschlecken.
Wenn es deiner Tochter irgendwie hilft, kann sie mich auch gerne kontaktieren und aussprechen, das wuerde mich freuen.
Ich hoffe, ich konnte euch wenigstens ein bisschen weiterhelfen und wuensche euch, dass die Situation vielleicht doch noch bessert.
Liebe Gruesse,
Sandra