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Reiseberichte USA

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Alt 20.02.2011, 11:13   Highway der Hochgefühle Beitrag #1
lage88
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Registriert seit: 20.02.2011
Beiträge: 5
Highway der Hochgefühle

Das Fenster ist heruntergekurbelt, der Fahrtwind streichelt unsere sonnengebräunten Gesichter. Die Luft schmeckt salzig hier an Amerikas Westküste. Am Morgen haben wir Los Angeles gen Norden verlassen. Jene quadratkilometerfressende Monströsität einer Großstadt, die endlose Touristenschlangen als Tor nach Kalifornien generiert. Wir haben jeden der 3,8 Millionen Stadtmenschen hinter uns gelassen und uns aufgemacht auf einen Weg, dessen Mythos dem Heiligtum Route 66 in kaum etwas nachsteht. Die California State Route 1, oder einfach Highway 1, verbindet auf 655 Meilen den Süden des Bundesstaates mit dessen Norden und führt neben Los Angeles auch durch San Francisco, die zweite, so viel europäischere Weltmetropole in Amerikas Westen. Seinen Beinamen – National Scenic Byway – hat sich dieser etwa tausend Kilometer charmant dahingleitende Pfad entlang der malerischen Pazifikküste wohlverdient. Entlang Stätten der seichten Surf- und Neopopkultur wie Santa Barbara schleicht jedes Vehikel anmutig durch die verworrenen Kurven purer Ästhetik. Urlaub für die Sinne.

Die magisch brechenden Wellen bahnen auf ihrem Weg gen goldglänzenden Sandstrand den Weg ins Surfer-Paradies. Der Blick aus dem Fenster fixiert immer wieder kleine schwarze Punkte in der Gischt, die ihre Bretter waghalsig elegant durch die Wellen manövrieren. Die Szenerie lädt ein in eine andere Welt. Hier wird das Ur-Bild des Immer-Sommer-Immer-Gute-Laune Bundesstaates Kalifornien gezeichnet. Bis auf den einsam und schweigend dahin schwelgenden Highway fehlen in der Fülle von Kontrasten menschliche Schandflecke. Zu weitläufig ist das Areal, als dass die vielen Touristen ernsthaft ins gestalterische Gewicht fielen. Stattdessen zeichnet die Natur hier ein idealistisches Portrait. Mal flach auf den zwischen glitzerndem Meer und Künstenland beinahe unwirklich unscheinbaren Strand zulaufend, mal, wie in der Region Big Sur, atemberaubend steil ins eiskalte Wasser abfallende Hänge – das Paradies ist vielseitig. Erfrischend klein fühlt sich das im Erstaunen stille Individuum Mensch angesichts dieser gewaltigen Natürlichkeit. Nörgler, die für gewöhnlich ihrer alltäglichen Tristesse geschuldet jeden noch so kleinen Makel ins Visier nehmen, verstummen vor der schöpferischen Perfektion, die sich ihnen hier offenbart.

Weniger um Kommunikation verlegen ist eine Gruppe von Seelöwen, die sich im Sonnenbad zur Mittagsstunde damit vergnügt, ihre Nahesten mit dem feinkörnigen Sand zu bewerfen. Ihr munteres Spielchen gepaart mit dem eben so typisch unnachahmlichen Gegröle scheint den paar Menschen, die panisch versuchen, das Ungreifbare fotografisch festzuhalten, jubilierend entgegen zu schleudern: „Seht her und labt euch an der Schönheit unseres Seins, ehe ihr zu dem Irrglauben, die Krone der Schöpfung darzustellen, zurückkehrt.“ Hinter ihnen rollen geduldig die Wellen gen Festland. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sprengt an seinem westlichsten Punkt die Grenzen des Begreifbaren. In starrer Ehrfurcht steht man da und versucht, jede ach so wertvolle Sekunde in Leib, Herz und Seele zu konservieren. Keine technische Errungenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts könnte jemals die ganze Schönheit dieses güldenen Fleckchens Erde einfangen. In der Impressionenfülle stellt der Europäer fest, dass im Land von Ronald McDonald und dem Burger King eben auch die Natur Übergröße hat.

Die Ortsschilder, die wir passieren, singen die Namen der immer so gleich und doch so unterschiedlich reizvoll schönen Küstenstädte nur so daher und geben allen Anlass, im Himmel auf Erden für einen Augenblick träumend die Augen zu schließen. Entzückt lässt man sich entführen in eine andere Welt auf dem Highway der Hochgefühle. Der fesselnde Stress der wirklichen Welt scheint hier noch viel weiter weg als bloß arglistig hinter den grünen Bergkuppen lauernd. Ein Blick genügt, um klar zu machen, warum sich um diesen magischen Ort Legenden ranken, warum der Pleite-Staat Kalifornien für viele immer noch das Nonplusultra der unendlichen Leichtigkeit des Seins ist, dass hier den American Way of Life zu prägen scheint. Aus den Lautsprechern unseres Wagens klingt Leise die Gitarre von Jack Johnson, sie ist akustische Untermalung eines vollkommenen Kunstwerkes.

Mit einem halben Auge auf der Straße und der restlichen Sehkraft auf der optischen Empfängnis der bizarr daherkommenden Unwirklichkeit fokussiert, fallen die wenigen versteckten Abzweigungen der Straße beinahe nicht auf. Im Fluge der Gefühle surrt der Highway unter unseren Rädern, ein Vier-Takter summte noch nie so leise wie hier. Hier, wo alles so unbeschwert dahingeht. Nicht umsonst hatte uns der verträumte Mann an der Rezeption am Morgen gesagt, dieses Teilstück werde uns verändern. An der Einfahrt zum Julia Pfeiffer Burns State Park stoppen wir unseren sorglosen Ritt auf der Avenue Liberté zum wohl hundertsten Mal an diesem Tage. Der kleine Fußmarsch durch wirres Gebüsch scheucht Vögel in allen erdenklichen Farben auf. Am Horizont, wo der azurblaue Ozean den nicht weniger strahlenden Himmel küsst, wird uns das I-Tüpfelchen der Schönheit langsam zur Last. Dort, wo der Pazifik in der Ferne seine Ruhe zu finden scheint, tanzt ein Wal in den Wellen, beehrt unsere vor Begeisterung verschämten Blicke immer wieder für Bruchteile von Sekunden mit seinem Erscheinen, ehe er sich zurück in die Tiefe seines Königreiches verabschiedet.

Als sich langsam die Schatten der Abenddämmerung über diesen Abschnitt unbeschwerter Freiheit legen und die glutrote Sonne im feuerroten Meer zu verdampfen droht, richte ich jeden Atemzug auf die befriedigende Konservierung des Momentes aus. Dann ruft die Realität.


Diesen Reisebericht findet ihr neben Weiteren in meinem Reiseblog http://longtimegone-geschichtenvonun....blogspot.com/. Über zahlreiche Besucher und regelmäßige Leser würde ich mich freuen.
lage88 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.02.2011, 18:02   Highway der Hochgefühle Beitrag #2
lage88
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Registriert seit: 20.02.2011
Beiträge: 5
Das Ende aller Träume

Der Teaser zum neuen Teil des Blogs...

Auch bei mehrfachem Hinschauen wird die Farbe nicht klar. Alles Blinzeln hilft nichts. Als die Sonne über dem Yosemite Valley untergeht, rattert der menschliche Atem stockend dahin: Magisch zieht die unbeschreibliche Farbpalette, in der das Tal erstrahlt, die Besucher in ihren Bann. Auf knapp eintausend Metern, am Glacier Point, tummeln sich die Touristen. Hier am populärsten Punkt des Yosemite National Park. Der Blick über nur fünf Prozent jenes 3100 Quadratkilometermeter gewaltigen Protzes der Natur und seiner Gipfel, die über den westlichen Hängen der kalifornischen Sierra Nevada thronen, ist einhundertprozentiges, pures und reines Vergnügen. Das Kommen und Gehen der Gletscher hat diesen Teil des Parks im Laufe der Jahrzehntausende zu einem Monument der Zeitgeschichte geformt.

Vom Glacier Point fällt der Blick geradewegs auf die steilen Wände der Kolosse Half Dome und El Capitan. Letztgenannter ist auf tausend vertikalen Metern das Mekka der alpinen Kletter-Fanatiker. Wer es mit „El Cap“ aufnimmt, schnürt nicht nur seine Schuhe. Wer hier seinen Wahnsinn verewigen will, übergibt sich freimütig in die wählerischen Hände der Natur. Nur die Besten schaffen diesen Aufstieg – El Capitans Mythos machte ihn zu einem der populärsten Alpin-Spots der Staaten. Sein Bruder, der mächtige Half Dome-Fels, raubt dem staunenden Besucher nicht weniger das Fassungsvermögen. 2.693 Meter über dem Meeresspiegel ragt er stolz über dem zu seinen Füßen schlummernden Schönen, bildet steinern das Dach dieses Auswuchses geologischer Erotik.

Eine surreale Darbietung

Es sind die letzten sonnendurch-fluteten Minuten dieses Julitages. Selbst jene Burberry- und Lacoste-gewandeten Fremdkörper, die sich zur Erfüllung ihres (hoheits-) gesellschaftlichen Anspruches in die Sammlung staunender Jünger purer Ästhetik verirrten, haben die luxuriös verspiegelten Sonnen-brillen von den Gesichtern gezogen. Jeder sehnt die reine Empfängnis der Schönheit des Momentes herbei. Das leise Klicken der Fotokameras verschärft das unterschwellige Gemurmel der Gemeinde am Glacier Point. Man kneift die Augen zusammen und keucht im Angesicht der atemberaubenden Finesse des Farbschauspieles, dass auf den Felsen von Half Dome und El Capitan in fünf Akten dargeboten wird. Ob der Granit nun braun, rot, orange, grau oder weiß in der Abendsonne schimmert, hängt vom Einfallswinkel des Lichtes ab und bindet sich von Quadrat- zu Quadratmeter neu zu einer undefinierbar anziehenden Melange. Während die Schatten des letzten Vorhanges langsam über das Tal fallen und auch der Glacier Point zunehmend verwaist, bleiben wir noch einen Moment sitzen. Zu surreal die Darbietung, um mit der stumpfen, motorisierten Rückkehr ins Nachtlager den Schauspielern ungenügend gerecht zu werden. Ein vorerst letztes Mal ergötzen wir uns an diesem Gigantentum, ehe die Sonne hinter den Gipfeln verschwindet.

Unter http://longtimegone-geschichtenvonun....blogspot.com/ gibt es den kompletten Reisebericht sowie weitere Blogeinträge zum Thema Reisen in den USA.
lage88 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.03.2011, 17:21   Highway der Hochgefühle Beitrag #3
lage88
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Registriert seit: 20.02.2011
Beiträge: 5
Gefangen im Wilden Westen

Der Teaser zum neuen Teil des Blogs...

Das alte Holz der Veranda knarrt, zweimal hört man das metallene Klacken der Sporen. Tick, Tack. Dann bleibt der Mann stehen. Hinter ihm schwingt die Flügeltür zum Saloon zurück. Direkt an der Kante der zwei Stufen bis zum Staub steht er. Man schaut langsam an ihm hoch – vom kunstvoll prägnanten Stiefelwerk himmelwärts entlang der braunen Lederhose, die vom lässig weiten Gürtel gesäumt wird. An seiner rechten Hüfte baumelt im Halfter der Colt. Das weit aufgeknöpfte Hemd steckt in der Hose, wird von der ledernen Weste optisch abgedämpft. Auch das Halstuch kann die braungebrannte Brust unter dem Hemd nicht vollends verbergen. Man erkennt ein kleines hölzernes Kreuz an einem Stück Kordel. Weit ins Gesicht gezogen thront der Cowboyhut auf dieser nostalgischen Erscheinung. Unrasiert und betont grimmig dreinschauend tritt der Mann die Stufen herunter. Drei Schritte. Tick, Tack, Tick. Der aufgewirbelte Staub vom knochentrockenen Boden wird von einer leichten Brise davon getragen. Kein Mensch sagt ein Wort, zu imposant kommt dieser Kanonenheld daher.

Die Fassade beginnt zu bröckeln

Plötzlich lacht einer. Ein zweiter. Der Mann kann die eben noch wie in Stein gemeißelte ernste Mimik einfach nicht mehr halten, muss grinsen. Das „Howdy“, das er in einem ungewollten Anflug von Heiterkeit herauspresst, lässt die Tarnung auffliegen. Cowboys mit britischem Akzent sind in South Dakota nicht besonders breit gestreut. Andy kann seine englische Herkunft nicht verbergen, trotz perfekten Auftretens ist die Blase geplatzt. Ich muss nun so sehr lachen, dass mir in meiner Unachtsamkeit eine Windböe den eigenen Hut vom Kopf reißt. Mein Erscheinungsbild unterscheidet sich nur marginal von dem dieses entblößten Outlaws. Schaut man die hölzernen Häuser herunter, prägen noch mehr dieser Karl May’schen Relikte die Wild Western-Szenerie.

Nicht umsonst heißt dieses ur-amerikanische Fleckchen 1880-Town. Die Besitzer, ein in die Jahre gekommenes Ehepaar, lächeln jeden der noch an zehn Fingern abzählbaren Besucher an diesem warmen Morgen Anfang August freundlich an. Sie selbst tragen traditionelle Cowboy-Trachten. Kommt sie als ehrbare Mistress daher, steckt er selbst bis knapp unter den Kniekehlen in fein gearbeiteten Lederboots. Neun Dollar tauschen die Autos auf dem Parkplatz vor dem als Museum, Gift-Shop und Eingang fungierenden Holzverschlag gegen hölzerne Kutschen, Saloons und sonstige Bestandteile einer waschechten Western-Stadt. Eine einmalige Zeitreise beginnt.

Ein Sack Kiesel

Das Schild, das leise im Wind schwingend in abblätternder Farbe „Sheriff“ warnt, ist das letzte Detail, das ich wahrnehmen kann, ehe das Schloss klickt und ich hinter Gittern lande. Auch nach 130 Jahren darf man noch nicht wild den Colt schwingend und das Halstuch über Mund und Nase gezogen in eine Bank spazieren und den dort lagernden Goldsack entwenden. Der ist zwar nur mit Kieselsteinen gefüllt – es geht ums Prinzip. Der Streit um die Beute eskalierte vor der Tür zwischen zwei ehemaligen Komplizen. Plötzlich ist Andy nicht mehr auf meiner Seite, will sich mit dem Säckchen Reichtum alleine aus dem Staub machen. Wir stehen uns in dreißig Fuß Entfernung gegenüber, die Hand nur Zentimeter über dem locker sitzenden Schießeisen schwebend. Wir sind bereit, den schneller Ziehenden mit einem erbärmlichen Rest Ruhm und dem Goldsack entkommen zu lassen, während sein Gegenüber tödlich getroffen mit dem Gesicht im Staub auf die Geier warten wird. Da kommt der Sheriff um die Ecke, plötzlich und unerwartet. Die wilde Schießerei kostet mehrere seiner Männer das Leben, schließlich sind wir aber doch umstellt. Statt bei einer Runde Poker und Feuerwasser im Saloon fröhlich die Beute zu verschleudern droht uns nun der Galgen. Immerhin waren auf unsere Köpfe 10.000 Dollar Belohnung ausgesetzt. Diese spart der Sheriff nun, da er uns selber quasi vor der eigenen Haustür zur Strecke gebracht hat.

Die schwere Eisentür ist hinter uns ins Schloss gefallen. Jason in seiner Gesetzeshüter-Tracht lacht draußen triumphierend, während Andy und ich uns einen kurzen, erbitterten Kampf um die enge, ungemütliche Holzpritsche liefern. Wir werden nicht lange einsitzen, werden dem Galgen entkommen. Denn der Sheriff ist eigentlich auf unserer Seite.


Unter http://longtimegone-geschichtenvonun...en-westen.html gibt es den kompletten Reisebericht sowie weitere Blogeinträge zum Thema Reisen in den USA.
lage88 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.03.2011, 10:52   Highway der Hochgefühle Beitrag #4
lage88
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Registriert seit: 20.02.2011
Beiträge: 5
Zwischen Marlboro und Medizinmann

Der Teaser zum neuen Teil meines Blogs...


Wir sind noch nicht ganz im Tal, da verklebt der feinkörnige rote Staub bereits mit unseren unter stechender Sonne ächzenden Körpern. Einmal die große Schiebetür unseres weißen Vans geöffnet, schon ist der Kampf verloren. Roter Dunst überall. Die Luft flimmert, ist so trocken wie jeder Zentimeter knorriger Erde hier.

Kerzengerade führt die Interstate 163 auf diesem Stück durch das Grenzgebiet Utahs und Arizonas. Am Horizont türmen sich die bizarren Felsformationen des Monument Valley auf. Jene Säulen der Geo-Historie, die das Tal so einmalig charakterisieren. Die großen Mesas erinnern an ihren ausgewanderten Bruder Down under: Den Ayers Rock Australiens. Wie wir so auf sie zufahren, wirken sie einladend wie die Skyline einer Großstadt. Schon jetzt ist ihre bloße Erscheinung atemberaubend. Noch aber sehen wir sie nur aus der Ferne. Wir wiederstehen dem Trieb, das Gaspedal zu malträtieren, verschließen die Ohren vorerst vor dem Rufen dieser roten Giganten.

Ein weiterer Meilenstein

Am Rand des Weges ragt ein Schild aus dem roten Grund. Es ist der einzig grüne Farbklecks im scheinbar ewigen Rot. Die Büsche am Wegesrand haben ihren Lebensmut schon lange verloren, haben kapituliert vor dem existenzfressenden Wüstenklima. Sie vermitteln eine Tristesse, die dem Blick an den Horizont nicht standhält. Meine Augen treffen den Wegweiser. Es ist nicht mehr als ein weiterer Meilenstein, ganz im entmythisierten Sinne des Wortes. Dreizehn, sagt es schlicht. Und hat damit seinen extraordinären Nimbus gefunden. Diese dreizehn beschwört einmal nicht die bösen Götter herauf. Nein. Hier, wo wir nun unseren Wagen an den Straßenrand stellen, wurde großes Kino gemacht. Hier, nirgendwo im irgendwo, vor den Toren des Monument Valleys. Genau hier beendete Tom Hanks in seiner vielfach oscarprämierten Interpretation des Forrest Gump seinen Lauf quer durch das Land.

In der zehrenden Sonne verzichten wir darauf, es diesem zweidimensionalen Helden der Leinwand gleichzutun und lassen die Laufschuhe eng verschnürt im brütend heißen Kofferraum. Der Blick hinunter ins Tal und der Blick über die Schulter schweifen beidseitig in schier ewiger Länge. Die wenigen Autos, die diese Straße heute befahren, fallen schon Minuten, bevor sie im Angesicht der Kulisse andächtig vorbeischleichen, ins Blickfeld. Ein Picknick auf der Straße wäre ohne weiteres möglich, scheitert letztlich am Hitzegrad. Der matte Asphalt wehrt sich mit letzter Kraft gegen sein Schmelzen. Wir fühlen uns seltsam willkommen in dieser lebensfeindlichen Galerie der Natur.

Auf Holzbänken durchs Tal

Willie begrüßt uns wortkarg, aber mit Wärme und bedachter Freundlichkeit in der Stimme. Der Hitze zum Trotz trägt er verstaubte Jeans, ein aufgetragenes Hemd und zum Schutz vor dem gleißenden Sonnenlicht einen Cowboyhut. Dieser pointiert die Ironie, die in Willies Erscheinungsbild steckt. Denn Willie ist Navajo Indianer. Er steht vor einem alten Truck, der zur motorisierten Touristenkutsche umgemodelt wurde. Vier Reihen Holzbänke sind auf seiner Ladefläche montiert, überspannt von einem Sonnendach. Willie bietet Touren durchs Tal an. Touren, die Verständnis bringen sollen von der Magie und Historie dieses jahrelangen Lebensraumes der Indianer. Und Geld. Heute sind es nicht mehr viele Navajos, die hier noch wohnen und den (hoffnungslosen) Kampf um Werte und Traditionen weiterführen. Willie wird uns später erzählen, dass auch er in der Stadt wohnt, jeden Morgen mit seinem Wagen hierhergefahren kommt. Aber ja, er fühle sich als Navajo Indianer, sagt er. Manitu blutet das Herz. Unter meine Neugier mischt sich ein anderes Gefühl. Trauer. Willie lacht viel während der Fahrt. Er hat gelernt, mit diesem Leben umzugehen. Lache, wenn’s zum Weinen nicht reicht.


Unter http://longtimegone-geschichtenvonun...dizinmann.html gibt es den kompletten Reisebericht sowie weitere Blogeinträge zum Thema Reisen in den USA.
lage88 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 19.05.2011, 00:25   Highway der Hochgefühle Beitrag #5
lage88
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Registriert seit: 20.02.2011
Beiträge: 5
Auf der Suche nach dem Schweinehund

Der Teaser zum neuen Teil des Blogs...

Durch die Luft zieht einsam ein Adler. Ich schaue hinauf zu diesem königlichen Geschöpf, muss meinen Blick nur Zehntelsekunden später wieder abwenden. Zu grell fällt das Sonnenlicht in mein Auge. Die schnellen Kopfbewegungen überfordern den strapazierten Kreislauf, schummrig unterbreche ich den strammen Schritt, der mich seit mehr als acht Stunden auf dem Bright Angel Trail trägt. Als sich der unter Strapazen ächzender Körper kurzzeitig erholt, kann ich mich noch einmal umdrehen und den Blick schweifen lassen. Ganz weit dahin liegt der Plateau Point, wo wir noch vor einigen Stunden standen. Mitten im Grand Canyon.

Es ist Hochsommer. Hochsommer am frühen Nachmittag. Hochsommer in Arizona. Die Luft im Grand Canyon National Park flimmert. Wer das Geschenk eines Tages unkomprimierter Canyon-Erfahrung in den frühen Morgenstunden annahm, bezahlt es nun mit Schweiß, treibt seinen Körper an die Grenzen des Ertragbaren. Der Zeiger des Thermometers bedeutet staubverhangen Temperaturen von über 50 Grad. Der aufgewirbelte Dunst des Pfades trocknet den Schweiß auf unseren Beinen, ehe dieser von neuem zu fließen beginnt. Der Kreislauf der Erschöpfung.

Erst runter, dann rauf

Vom „South Rim“, dem südlichen Rand des Canyons, fällt der Trail sechs Meilen, bis er den Plateau Point erreicht. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen dieses Kronjuwel der amerikanischen Nationalparks in eine orange-rote Morgenmelange tränkten, hatten wir uns auf den Weg gemacht. Der Tücke, die uns die nächsten Stunden begleiten sollte, waren wir uns bewusst. Zumindest in der Theorie. Immerhin hatten uns doch dieselben Warnschilder, die von Lebensgefahr durch Hitzeschlag oder körperlicher Überanstrengung gewarnt hatten, auch darauf hingewiesen. Der Trail wird erst sechs Meilen dahingleiten, ehe man den gleichen Weg in der Mittagssonne wieder zu erklimmen hätte.

Keine zwei Stunden brauchte es, da hatten wir den Plateau Point erreicht. In der morgendlichen Dämmerung waren wir den Trail geradezu hinunter geflogen. In unserer Eile – der Kühle wegen – versuchten wir zu vermeiden, der atemberaubenden Szenerie um uns herum im Verweilen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Schilder hatten uns ja gewarnt. Wir mussten doch noch wieder hoch. Da bliebe dann mehr als genug Zeit für den vollen Genuss des Canyons. Sich dem Spektakel allerdings komplett zu verschließen ist gleichermaßen töricht wie unmöglich. Schon beim ersten Schritt auf den Pfad wird man ergriffen von der Magie, die in diesem Wunder der Natur mitschwingt. Die Nacht versucht mit letzter Kraft, die ungeheure Weite zu verschleiern. Mehr und mehr gewinnt das Tageslicht den Kampf gegen die Dunkelheit.

Unter http://longtimegone-geschichtenvonun...weinehund.html gibt es den kompletten Reisebericht sowie weitere Blogeinträge zum Thema Reisen in den USA.

Geändert von lage88 (19.05.2011 um 00:31 Uhr)
lage88 ist offline   Mit Zitat antworten
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