"Die ganzen USA in anderthalb Wochen
Immer wieder kommen ja mal solche Anfragen zur Routenplanung, wo man sich fragt: Habe ich zu derselben Frage nicht gerade vorige Woche einen ganzen Roman geantwortet?
Daher greife ich jetzt mal meinen persönlichen "pet peeve" auf, das Thema "Weniger ist mehr", und starte einen Thread, in dem wir alle schönen Tipps zu diesem Motto sammeln können. Dann kann man bei Bedarf einfach bequem verlinken, anstatt immer wieder dasselbe zu schreiben.
Disclaimer:
Dieser Thread ist nicht dazu da, irgendjemandem die Freude am USA-Urlaub mit lauter doofen Warnungen zu vermiesen, sondern ganz genau im Gegenteil.
Ich persönlich finde jedenfalls, dass nichts so sehr die Urlaubsfreude vermiest, als wenn man 8 statt der geplanten 4 Stunden im Auto klebt und dann vor Ort bei der eigentlichen Sehenswürdigkeit mit plattgesessenem Hintern aussteigt und nur noch eine halbe Stunde vor Einbruch der Dunkelheit hat.
Also, es geht los…
1.
"Ich will in einer Woche von der Ostküste an die Westküste fahren. Was meint Ihr dazu?"Ja, klar geht das. Allerdings solltest Dir einen Wecker stellen, der Dich immer wieder mal wachklingelt, wenn Du am Steuer eingeschlafen bist. Und nicht vergessen, unbedingt das Bandscheibenkissen und die Salbe gegen die Rückenschmerzen mitnehmen.Die Kamera dagegen kannst Du getrost zuhause lassen. Andererseits, vielleicht ist es auch mal ganz interessant, eine Diashow mit den verschiedenen Grautönen des amerikanischen Asphalts zu zeigen; das haben Deine Gäste wahrscheinlich noch nicht gesehen. Wer will schon die Golden Gate Bridge oder den Grand Canyon sehen – kennt doch jeder. Derartige Umwege kannst Du Dir getrost sparen.
So, und jetzt im Ernst:
Der aller-aller-allerhäufigste Fehler bei der Routenplanung ist der, dass man sich in viel zu kurzer Zeit viel zu viel vornimmt und die Entfernungen in den USA hoffnungslos unterschätzt. Das passiert selbst alten erfahrenen USA-Hasen immer noch gelegentlich.
Was auf der großen USA-Karte nach einem Katzensprung aussieht, ist in Wirklichkeit eine Riesenentfernung.
Von Washington D.C. nach Miami beispielsweise ist etwa so weit wie von Hamburg nach Rom – allerdings mit ständiger Geschwindigkeitsbegrenzung!
Und das beliebte Dreieck LA-SF-LV-LA muss man sich von den Dimensionen ungefähr so vorstellen wie das Dreieck Hamburg-Wien-Amsterdam-Hamburg. Wohlgemerkt, nur auf Freeways, ohne jegliche Abstecher oder Besichtigungen!
2. "Ich habe die Entfernungen ja mit Google Maps geplant. Ich weiß genau, wieviel Zeit ich brauchen werde."Sehr weise und vorausschauend. Sicher zahlt Google Maps Dir auch die Knöllchen, die Du dann auf der Strecke sammeln wirst bei dem Versuch, das erforderliche Tempo zu halten. Sprich am besten vorher schonmal mit Deinem Anwalt, ob Deine Rechtsschutzversicherung den Prozess gegen Google übernimmt.Und ganz wichtig: Du solltest unbedingt rechtzeitig beim amerikanischen Ministerium für Verkehrsplanung anrufen, damit die vor Deiner Anreise sämtliche roten Ampeln, sämtliche Baustellen und vor allem sämtliche anderen Fahrzeuge von den Straßen entfernen.
Im Ernst:
Google Maps kalkuliert die Zeit nach Fahren ohne jeglichen Stau, ohne jegliche Baustelle, kontinuierlich bei der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, ohne ein einziges Mal Verfahren.
Pinkelpausen, Fotostopps oder gar Abstecher zu Sehenswürdigkeiten, die man vielleicht spontan noch "mitnehmen" möchte, sind natürlich schon gar nicht eingeplant.
Ich hatte im letzten Urlaub unfreiwillig Gelegenheit, das zu testen. Wir hatten uns mit einem Termin versehen, Navi war ausgefallen, und so mussten wir nach Google Maps versuchen, pünktlich an Ort und Stelle zu sein. Durch unbekanntes Gelände im Großraum LA, kontinuierlich Höchstgeschwindigkeit auf der Car Pool Lane gefahren (auf die musst Du erst mal kommen, ganz links und im dichten Verkehr quer über fünf andere Spuren rüber, und bloß im Blick behalten, rechtzeitig wieder nach rechts rüberzuwechseln), zum Glück nicht ein einziges Mal verfahren (was einem in einer unbekannten Stadt normalerweise dauernd passiert), kein Stau (was für Großraum LA schon in die Kategorie "Wunder" fällt), und mit quietschenden Reifen und hängender Zunge punktgenau auf die Minute vor der Haustür. Soviel also zur Realitätsnähe von Google Maps.
Faustregel: Auf Google-Maps-Schätzungen nochmal ein Drittel draufschlagen, dann fangen wir an, von realistischen Dimensionen zu reden.
3. "Ich hab' ein Navi. Meiner Zeitplanung kann nichts passieren."Und die Welt ist eine Scheibe.
Wer einmal im amerikanischen Großstadtverkehr unterwegs war, weiß, wie schnell man mal eben eine Ausfahrt verpasst hat oder eine zu früh rausgefahren ist. Das kostet dann mit oder ohne Navi leicht mal eben 10 Minuten, bis man die Richtung wieder hat.
Baustellen, Staus, unerwartete Umwege, Straßen, die das Navi nicht kennt... sowas soll es ja alles auch geben. Das kann leicht noch viel mehr Zeit kosten.
4. "Ich will mit dem WoMo in einer Woche von San Diego bis nach Kanada. Geht das?"Überhaupt kein Problem. Du solltest nur ein zweites Fahrzeug hinter Dir herfahren lassen, das die abgefallenen Teile des WoMos einsammelt.
Für ein WoMo gelten dieselben Faustregeln zur Zeitplanung wie oben beschrieben – plus schätzungsweise 20%.
Mit den meisten Miet-WoMos sollte man die Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem Freeway nicht unbedingt ausreizen. Ab 60mph fangen die meisten ganz schön an zu rappeln.
Auf kleineren, bergigen oder gewundenen Straßen sind die Fahrzeuge einfach schwerfälliger und langsamer; das darf man auch nicht vergessen.
Und wer üblicherweise keine acht oder zehn Meter hinter sich hat, wird auch eine etwas vorsichtigere Fahrweise einplanen.
Manche leben auch in der Illusion, in einem WoMo könne man sich mit dem Fahren und Schlafen ja so bequem abwechseln. Vorsicht: Auch im WoMo findet der Schlaf während der Fahrt nicht bequem im Alkovenbett, sondern nur angeschnallt auf den zugelassenen Sitzplätzen statt. Alles andere macht zumindest im Ernstfall ziemlichen Ärger.
Die Stellplatzsuche wird auch leicht mal vergessen. Ein Campingplatz, der auf der Karte nach "direkt neben dem Freeway" aussieht, kann sich leicht mal als Umweg von 30km über kleine Seitenstraßen erweisen.
Und wie schon oft hier im Forum geschrieben: Das "wilde" Übernachten ist nur in den seltensten Fällen erlaubt und ratsam. Die Stellplatzsuche sollte also unbedingt mit eingeplant werden.
So, jetzt seid Ihr dran!
Wer hat noch einen schönen Tipp zum Thema "Weniger ist mehr"?
Gruß,
Anna